15 Jahre Frankfurter Domsingschule

„Fünfzehn Jahre lassen sich nicht zählen, sondern hören“
Rede zum 15-jährigen Jubiläum der Frankfurter Domsingschule
gehalten am 27. September 2026 in Frankfurt am Main
„Liebe Frau Schlichtmann, lieber Herr Wilhelmi, liebe Frau Pyper, liebe Chorfamilie,
liebe Gäste, fünfzehn Jahre. Man kann eine Zahl aussprechen, ohne sie zu verstehen. Aber wer hier oben als Sänger schon einmal gestanden hat, in dem Moment kurz vor dem ersten Ton, wenn die Luft noch still ist und man das eigene Herz schlagen hört – der weiß, dass sich fünfzehn Jahre nicht zählen, sondern hören lassen.
In Evensongs, die ineinander übergegangen sind. Auf Chorfahrten, auf denen aus vielen Stimmen langsam eine wurde. In all den Momenten, in denen aus Kindern Sängerinnen und Sänger wurden, und aus Sängerinnen und Sängern Menschen, die
wissen, was es heißt, gemeinsam etwas Größeres zu erschaffen.
Ich stehe heute nicht nur als Sängerin hier, sondern auch ein wenig als Zeitzeugin.
Vor vierzehn Jahren kam ich als B-Mädchen in diesen Chor. Klein, unsicher, mit einer Stimme, die noch gar nicht wusste, was sie einmal alles können würde. Die Leitung war damals eine andere, doch das, was mir in meiner allerersten Probe
mitgegeben wurde, trage ich noch heute in mir: die Freude am Singen. Sie hat mich nie wieder losgelassen.
Dass daneben auch etwas Disziplin nötig war, habe ich erst verstanden, als ich realisierte, dass ich jetzt eines der großen A+-Mädchen bin, zu denen ich früher immer hinaufgeschaut habe.
Was diesen Chor trägt, sind nicht die Disziplin, nicht die tollen Stücke und Konzerte.
Es sind die Menschen.
Frau Schlichtmann, wenn Sie den Knabenchor dirigieren, sieht man Musik, bevor man sie hört. In Ihren Händen liegt eine Leidenschaft, wie ich sie noch nirgendwo erlebt habe. Sie fordert uns, manchmal bis an den Rand dessen, was wir uns selbst zugetraut hätten. Und genau dort, an diesem Rand, haben Sie uns immer wieder gezeigt, wozu
wir fähig sind.
Herr Wilhelmi, Ihre Ruhe hat eine eigene Sprache. Wenn Sie den Mädchenchor leiten, hört man zu, bevor man singt. Diese
verständnisvolle Art, mit der Sie jeder einzelnen Stimme Raum geben, hat für uns Mädchen etwas geschaffen, das weit über die Lehre des Gesangs hinausgeht: das Gefühl, gehört zu werden.
Und Frau Pyper. Wo wären wir nur ohne Sie? Sie sind der Grund, auf dem all das stehen kann. Was im Hintergrund an Sorgfalt, Weitblick und stiller Fürsorge in diesen Chor fließt, merken wir oft erst, wenn wir innehalten und zurückblicken. Ohne diesen Grund würde vieles, was hier leicht wirkt, gar nicht möglich sein.
Drei so unterschiedliche Menschen, und doch ergeben sie zusammen genau den Klang, den jede und jeder von uns braucht: gefordert, gehört und getragen.
Am häufigsten singen wir im Frankfurter Kaiserdom, und mit den Jahren ist aus diesem
Ort etwas geworden, das sich schwer in Worte fassen lässt. Ein zweites Zuhause vielleicht, nur dass seine Wände aus Stein sind und sein Herzschlag aus unserem gemeinsamen Ton besteht.
Jedes Mal, wenn wir bei einer Generalprobe zum ersten Mal alle zusammen einsetzen, wenn aus fotografierenden Touristen gespannte Zuhörer werden, die die Bänke des Doms füllen, und sich dann dieser volle Klang unter dem Gewölbe entfaltet, als hätte er dort schon immer gewartet – dann wird mir richtig warm ums Herz. Jedes Mal aufs Neue, egal, wie oft ich es schon erlebt habe.
Was diese Domsingschule wirklich ausmacht, liegt nicht allein in den Tönen, sondern in dem, was zwischen ihnen entsteht.
Auf unseren jährlichen Chorfahrten proben wir bis in den Abend hinein, und irgendwo zwischen diesen Proben, zwischen den Busfahrten und den Nächten, die immer zu kurz sind, entsteht etwas, das mehr ist als ein Chor.
Wir sehen Orte, die wir sonst nie gesehen hätten, und lernen Menschen kennen, die
wir sonst nie gekannt hätten. Aus manch einem Gemeinsam-in-die-Noten-Schauen, weil der eine sie vergessen hat, ist eine Freundschaft entstanden, die weit über die letzte gemeinsame Probe hinausreichen wird. Ob wir nun Bach singen oder Baba Yetu, ist am Ende nebensächlich. Die Musik selbst ist die Sprache, in der wir uns alle verstehen. Ganz gleich, ob man schon seit Beginn dabei ist oder erst seit dem vergangenen Jahr.
Fünfzehn Jahre Domsingschule heißt: fünfzehn Jahre, in denen aus Kindern junge Erwachsene wurden. Getragen von Musik, geformt von Disziplin, beschenkt mit Freude. Begleitet von den Menschen, die diesen Weg mit uns ernst gemeint haben.
Darum möchte ich mich im Namen aller Sängerinnen und Sänger von Herzen
bedanken.
Bei Ihnen, Frau Schlichtmann, für Ihre Leidenschaft, die uns immer wieder über uns
selbst hinauswachsen ließ.
Bei Ihnen, Herr Wilhelmi, für Ihre Ruhe, in der so viel Verständnis liegt.
Bei Ihnen, Frau Pyper, für alles, was Sie im Stillen für uns möglich machen.
Und bei euch, meiner lieben Chorfamilie, dafür, dass ihr mit mir gesungen, gelacht und
diesen Weg gemeinsam gegangen seid.
Auf die nächsten fünfzehn Jahre.
Auf eine neue Generation talentierter Sänger.
Und auf noch viele Konzerte, in denen uns in noch so kalten Kirchen warm ums Herz
wird.
Auf uns.“
Rede von Jelena Savanovic
Sängerin der Frankfurter Domsingschule
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